Erzählende Musik beschreitet Pfade zwischen Klang und Semantik, zwischen einer Tonsprache und einem Sprachsound. Texte und Worte dienen als vielschichtiges, ganz unterschiedlich zu interpretierendes Material, mit dem man auf ebenso unterschiedliche Weise komponieren kann. Am einfachsten noch scheint die Funktion der Sprache im Musiktheater, wo der Text als Libretto seinen angestammten Platz hat. Er trägt die Handlung, und gut formuliert liefert er eine rhythmische Struktur für die Melodik der Arien und Gesänge. Dabei schwankt die Aufmerksamkeit zwischen der Erzählung der Story und der Erzählung des Musikalischen, wenn der Textinhalt in den Hintergrund tritt und die Worte eher die Träger des melodischen Fadens sind.
Komplexer wird das Spiel mit Worten und Texten als Samples auftreten. Sie erscheinen dann ihrem ursprünglichen Zusammenhang entrissen und in ein neues Feld von Bezügen gestellt. Textsplitter und bestimmte Inhalte treten plakativ in den Vordergrund oder der Text gerät zum reinen Klangmaterial, wie bei Lautpoesiestücken. Die gesprochene Silbe, das gehauchte oder scharf ausgestoßene Wort dient als Ton- beziehungsweise Klangelement im Kontext einer Komposition. Diese solcherart zum Sound gewandelten Sprachfragmente können außerdem elektronisch manipuliert oder in die Klangwelt einer instrumentalen Struktur eingewoben werden.
Erzählende Musik muss aber nicht an einen Text gebunden sein. Der Klang selbst vermag zu „erzählen“, weniger im ganz direkten Sinn von Programmmusik, sondern durch die Entfaltung phantasievoller Soundwelten. Dabei entstehen zum Beispiel Assoziationen an Landschaften, ganz ähnlich wie in manch symphonischer Musik der vergangenen zwei Jahrhunderte, aber in klanglich modernem Gewand. Oder es sind komplexe Geräuschwelten, Collagen aus elektronischen oder gesampelten Elementen, die ein breites Feld von Assoziationen ermöglichen. Sie erzählen von der uns umgebenden Maschinenwelt, vom Rauschen des Computer und des Straßenlärms und vom Rauschen der Welt, von der Schönheit des Geräuschhaften überhaupt. Viel vor allem improvisierte Musik mit elektronischen Medien beschreitet auf diese Weise einen Weg durch die Komplexität des Hörbaren. Sie erzählt eine Klang-Geschichte, die sich hier und da durchaus in Worte fassen ließe, vor allem aber auf die Kraft des Sounds vertraut.
KLANGZEIT 2004 brachte Werke von Robert Ashley (New York, USA), Sidney Corbett (USA), Helmut Oehring (Berlin), Vinko Globakar (F), Daniel Ott (Basel), Hans Werner Henze (Rom), Carola Bauckholt (Köln), Fatima Miranda (Madrid), Jaap Blonk (NL), Bronius Kutavicius (Vilnius), Stephan Froleyks (Kleve), Partita Radicale (Wuppertal), Thomas Bloch-Bonhoff (Münster), Christoph Taggatz (Münster), Christine Weghoff (Kassel), Erhard Hirt (Münster), Ars Vitalis (Köln) und Anderen auf die Bühne.